Mo. Nov 29th, 2021

“Jugendarbeit” dürfte eine kurze Epoche in der Geschichte der Menschheit sein, – eine Epoche, die gerade zu Ende geht. Gestartet als gemeinschaftliche Selbstverwirklichung (“Jugend führt Jugend”), als Ausbruch aus dem Muff der Elterngeneration, dann von Erwachsenen und vor allem bezahlten Erwachsenen okkupiert (“Professionalisierung”), ist sie nun ein zunehmend unbedeutender Player auf dem durchkommerzialisierten Freizeitmarkt. Besonders tragisch merken wir das als Pfadfinder. Pfadfinderei war mal eine echte “Jugendbewegung”, auch wenn (ältere) Erwachsene immer eine Rolle dabei gespielt haben und unser Gründer bekanntlich schon eher betagt als sturmdrängend war, als er das Scouting zur weltweiten Freizeitbeschäftigung machte (mit dem Ideal, eine Lebenshaltung daraus zu machen).

Aus unseren vielen Diskussionen dazu hier einige Gedanken als vorläufiges Resümee. [Der Text ist im Wesentlichen aus Gesprächen in unserer Leiterrunde im Jahr 2016 entstanden, wir haben ihn nun nochmal nach vielen Gesprächen über die Folgen der Corona-Lockdown-Politik in einigen wenigen  Punkten überarbeitet.]

== WhatsApp statt Bushaltestelle ==

Der Hauptgrund für unsere These, dass das Zeitalter der “Jugendarbeit” vorbei ist: Kinder und Jugendliche brauchen keine Cliquen mehr für ihre “Freizeitgestaltung”. Alle Jugendarbeit lebt von der Gruppe: von gemeinsamen Unternehmungen, von Ritualen, von persönlichen Bindungen, von Codes, von Abgrenzungen (oder positiv: Identifikation), von Gemeinschaftsregeln und Gemeinschaftszielen. Eine Gruppe ist Bande, Club, Clan.

Wer noch vor wenigen Jahren nachmittags nicht alleine zuhause hocken wollte (und nicht den Eltern bei der Arbeit helfen musste), der brauchte eine Clique, eine Gruppe mit Freunden oder wenigstens Kumpeln. Und weil einem das Dazugehören entsprechend wichtig war, nahm man dafür auch einiges auf sich – ob die klassische Mutproben zur Aufnahme in die Bande oder einfach die Verbindlichkeit, bei Wind und Wetter zu den Treffen zu kommen (ohne Elterntaxi).

Dieses Bedürfnis nach Gruppenzugehörigkeit haben schon Fernsehen und Computerspiele massiv beschossen, noch stärker dann das Internet: Medien ersetzen die Kumpel. Vollends zerstört wurde das Bedürfnis nach echter Nähe aber durch das Smartphone (das nun die Standleitung “ins Internet”  ist), die permanente kommunikative Verbindung zu beliebig vielen Einzelpersonen (auch unbekannten), Organisationen, Medien. Man kann jederzeit mit irgendwem quatschen, lästern, “spielen”, flirten, ohne sich dazu an einem realen Ort zu treffen (und ohne “man selbst sein zu müssen” – bei den digitalen Begegnungen kann man in beliebige Rollen posen). Für jeden Anflug von Langeweile bietet das Handy Musik, Videos und jede Menge dusseliger “Spiele”. Wo lungern denn noch Jugendcliquen nachmittags und abends an Bushäuschen oder auf Spielplätzen rum? Das ist binnen weniger Jahre verschwunden.

Während wir noch vor einigen Jahren in der Ganztagsschule die größte Bedrohung der klassischen Jugendarbeit gesehen haben, wurde das viel größere Problem von Appel zusammengecodet. Heute macht das Smartphone nicht nur Jugendgruppen überflüssig, es zerstört auch nachhaltig alles, was eine Gruppe ausmacht: das Interesse aneinander, das Sicheinlassen auf die anderen in der Gruppe, das gemeinsame Erleben von Dingen, die man eben nur miteinander erleben kann. Heute meint die Jugend, keine 90 Minuten während ihrer Sippenstunde aufs Handy verzichten zu können; ganz dringend müssen sie dies und das anderen mitteilen, gedanklich sind sie irgendwo – nur nicht bei der gerade räumlich versammelten Sippe oder Meute, zu der sie evtl. rein optisch zu gehören scheinen.

Wenn Gruppen überhaupt noch funktionieren sollen, muss das Smartphone aus ihnen verbannt werden. In unserem Stamm haben wir daher das Handy schon vor Jahren verboten: bei allen Pfadfinderveranstaltungen hat es ausgeschaltet zu sein, und bei mehrtägigen Fahrten bleibt es ganz zuhause, um gar nicht in die Versuchung zu führen, sich aus der Fahrtengruppe in eine virtuelle Welt zurückzuziehen. [Die Entscheidung war ein langer Diskussionsweg, denn zunächst waren wir ganz überwiegend der Meinung, dass ein solches “Handyverbot” ein uns nicht zustehender Eingriff in die (Kommunikations-)Freiheit der Teilnehmer sei. (Siehe ausführlichen Blog-Beitrag dazu.)

Mit dem Handyverbot stellen wir die Gretchenfrage: Sag, wie hältst du’s mit den Pfadfindern? Willst du überhaupt Pfadfinder_in sein? Hast du wirklich Bock auf uns oder kommst du nur halbherzig zum Stamm? Wer eine Frage stellt, muss mit Antworten rechnen, und so entscheiden sich eben nicht wenige Jugendliche für ihr Smartphone – ein Verhalten, das alle Vereine kennen.

Natürlich ersetzt die digitale Gruppe nicht die reale. Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob man parallel in verschiedenen Chats seinen Sermon abgibt und Banden knüpft, oder ob man mit fünf Freunden ein Wochenende in der Natur verbringt – das dürfte keine Frage sein. Aber die Veränderung ist eben da, wir müssen sie zunächst einfach zur Kenntnis nehmen. Der Corona-Lockdown hat das deutlich verschärft, viele Stämme berichten von noch ausgeprägterem “Couching”.

== Lernbereitschaft ==

Die Pfadfinder stellen aber noch einige weitere Hürden auf. Es sind zwar alle willkommen, aber die Fußnote zu dieser Parole wird gerne übersehen: unter der Bedingung, sich aufs Pfadfinden einzulassen und aktiv mitzumachen. Wir bieten Spaß, aber keine Bespaßung! Wir drehen viele coole Dinger – aber wir servieren sie nicht auf dem Silbertablett. Bei uns Pfadfindern gibt es leckeres Essen – aber es kommt weder von Mama noch der “Lieferando”-App: wir bereiten es selbst zu. Wir kennen und können allerhand – wenn wir tatkräftig und dauerhaft zum “Learning by Doing” bereit sind. Zuhause mag man für drei krakelige Pinselstriche ein Lob für das tolle Bild erhalten, bei den Pfadfindern wird niemand dafür gelobt, eine Jurte nicht aufbauen zu können. Gerade Kinder überschätzen sich oft maßlos, erzählen im Brustton der Überzeugung was sie alles ganz toll können – und scheitern dann über Wochen am einfachsten Knoten. Mit Hybris kommt man bei den Pfadfindern nicht weiter – denn mit ihr entzündet man kein Feuer, stellt kein Dreibein auf, kann keine Karte lesen.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Jungpfadfinder es noch lustig finden, was sie alles nicht können. Doch damit ist das Ende ihrer Pfadfinderzeit stets schon eingeläutet. Bei der ersten Bewährungsprobe scheitern sie unerbittlich, und da das natürlich nicht an ihnen liegen kann, an Faulheit und Desinteresse, sind in dem Moment die Pfadfinder blöd und man bleibt ihnen künftig fern – ohne ein Wort zu sagen natürlich.

Wenn wir zurückschauen, wie viele Kinder und Jugendliche im Laufe der Zeit schon bei uns aufgekreuzt und dann irgendwann, oft erst nach Jahren, lautlos wieder verschwunden sind, dann ist diese der Hauptgrund: sie haben nicht verstanden, dass man Pfadfinder nicht mit einem Schlag ist, indem man sich eine Kluft anzieht, sondern dass es ein stetiger und eben auch mal steiniger Weg ist, der einen immer mehr zum Pfadfinder macht – oder sagen wir ruhig: zu einem immer besseren Pfadfinder. Doch wozu soll sich jemand auf diesen Weg machen, der mit seinem Handy zufrieden ist?

== Bequemlichkeit: Kein Bock auf Outdoor  ==

Die mangelnde Lernbereitschaft ist eine Spielart der Bequemlichkeit, die uns an vielen Stellen die Pfadfinderei schwer bis unmöglich macht. Der Mensch ist natürlich schon immer gerne faul – wenn er es sich leisten kann. Als die Clique noch wichtig war, ist man zu ihr oder mit ihr aus eigener Kraft mit dem Fahrrad über die Dörfer gefahren oder zu Fuß durch die Lande gezogen. Kinder und Jugendliche heute sind es gewohnt, von ihren Eltern oder anderen Angehörigen durch die Welt kutschiert zu werden. Sie bringen es fertig, sich zum Start in einen Wochenendhajk ein paar hundert Meter von zuhause bis zum Pfadfinderheim mit dem Auto fahren und sich von Mama den Rucksack hineintragen zu lassen (den natürlich auch Mama gepackt hat)! Die Empirie sagt: aus so jemandem wird kein Pfadfinder mehr.

Um es klar zu sagen: die Jugend war früher nicht besser! Wir sind immer die gleichen Menschen. Es waren schlicht die Rahmenbedingungen andere. Als Baden-Powell die Pfadfinderei entwickelte, waren Jugendliche froh und dankbar, wenn sie aus den Städten rauskamen und mit Gleichaltrigen etwas unternehmen konnten – ohne Erwachsene! Ein Zeltlager war keine Entbehrung, sondern Freiheit, Selbsterfahrung, ein bockstarkes Erlebnis. Eine Großfahrt war kein Verzicht auf Fernsehen, Internet und Tiefkühlpizza, sondern ein riesiges Abenteuer, von dem man sein Leben lang zehren und erzählen konnte.

Pfadfinder ohne “Outdoor” sind nicht denkbar. Es macht keinen Sinn, “Computer-Pfadfinder” zu gründen oder die Kohte durchs Hotel-Einzelzimmer mit Dusche und WC zu ersetzen. Pfadfinder sind zwar auch in der modernen Welt unterwegs, aber sie können nicht auf den “Draußen-Kick” verzichten. In der Pädagogik ist der Wert von Naturerfahrungen unumstritten, aber für die besorgten Eltern und trägen Kinder muss das heute entsprechend aufbereitet werden, dann gibt es im Kindergarten 2-Stunden-Ausflüge auf eine Wiese oder eine eigens angelegte “Matschanlage” auf dem eigenen, sicher umzäunten Gelände – echte Pfadfinder lachen sich über solche Simulationen kaputt. Für viel Geld werden “Schulhunde” eingesetzt, damit Kinder, die vom Leben nichts mehr mitbekommen, wenigstens mal so ein Alltagsvieh sehen können (anfassen ist wegen Allergiegefahr eher nicht angesagt).

Eine Woche ohne Strom ist kein Rückschritt in die Steinzeit, wie Handysüchtel meinen, – es ist einfach nur eine andere Woche, die einen erahnen lässt, dass Menschen Jahrtausende ohne all den Schnickschnack gelebt haben, von dem wir uns heute kaum für ein paar Stunden trennen wollen. Wer sich darauf nicht einlassen mag, der wird Pfadfinder nie verstehen. So wie ein Musiker und ein Nichtmusiker denselben Song immer verschieden hören werden und ein weitgereister Mensch einen anderen Horizont hat als jemand, der aus seinem Kiez nicht rausgekommen ist, so haben Pfadfinder eben Erfahrungen im Gepäck, die sie von den meisten Nichtpfadfindern unterscheiden: zu dritt im Wald zu biwakieren kann das Leben verändern, in der Natur zurecht zu kommen ändert den Blick auf alles.

Baden-Powell’s Idee des Scoutings war so erfolgreich, weil der Moment dafür günstig war: Jugendliche hatten freie Zeit, sie hatten Langeweile, sie sehnten sich nach Gruppen, sie wollten unterwegs sein, um etwas zu erleben. Und sie hatten Eltern, die sie machen ließen.

Heute ist jedes kurze Verlassen der eigenen Wohnung schnell Verzicht. Wer nicht mehr scharf auf Marmelade als Nascherei ist, weil Nutella und Schokoriegel immer verfügbar sind, ist für die Früchte der Natur natürlich nur sehr schwer zu begeistern. Nicht erst einmal haben wir auf Fahrten beim Abendbrot gehört: “Ich esse kein Brot!” Nix Zöliakie oder so – Brot ist einfach so “bäh”. Da klingt die Bitte aus dem Vaterunser natürlich nach Wohlstandsbedrohung…

== Helikoptermütter über dem Zeltplatz ==

Wer die Jugenderlebnisse von Robert Baden-Powell liest, will das aus heutiger Sicht für Märchen halten: Jugendliche, die in den Ferien einfach losziehen und die Lande erkunden, mit selbstgebauten Boten Flüsse, Seen und das Meer befahren…

Heute müssen wir stundenlange Telefonate mit bitterböse empörten Eltern führen, weil wir den auf einer Wochenendfahrt dem Heinweh verfallenen (also sich in Wahrheit nur selbst bemitleidenden) Söhnen kein Telefon gereicht haben, um Mama anrufen zu können! Noch vor ein paar Jahren war eine solche Situation für uns unvorstellbar – schon allein, weil kein Junge auf die Idee gekommen wäre, nach einer Freizeit zuhause zu erzählen, dass er Heimweh hatte (und sein Heulen niemanden hatte erweichen können, seine Eltern zu verständigen, auf dass er mitten in der Nacht abgeholt werde). Und sollten Eltern früher dann doch vom Heimweh ihrer Kinder erfahren haben (weil andere es “gepetzt” haben), dann waren sie dankbar für unsere Bereitschaft, dem nervigen Geheule standzuhalten. Seit neustem sehen aber Eltern im Heimweh ihres Kindes einen sozial-medizinischen Notfall, über den sie unverzüglich zu verständigen sind. Mit Verlaub: solche Eltern sind eine Katastrophe und können leichterhand eine ganze Meute sprengen (weil sie natürlich auch noch andere Eltern verrückt machen, mit denen sie eigene WhatsApp-Gruppen gründen, um ein pädagogisches Aufsichtsgremium für die Pfadfinder zu bilden).

Bis heute haben wir auf längeren Meutenfahrten (bzw. auch außerhalb der Pfadfinderei bei Kinderfreizeiten) einen Programmpunkt “Postkarte an die Eltern schreiben”. Das war nicht als echtes Lebenszeichen gedacht, sondern einfach als netter Gruß, über den sich stets alle Eltern gefreut haben. (Und es war auch eine Kommunikationsübung.) Heute erwarten Eltern einen Anruf, dass wir gut angekommen sind, wenn wir uns ein paar Meter  vom Pfadfinderheim wegbewegt haben! (Weshalb unser Handyverbot häufig nicht von den Kindern, sondern von deren Eltern missachtet wird: “Ich muss dich erreichen können” oder “Ich muss doch wissen, wie es dir geht!”)

Die übermäßige Umsorgung des Nachwuchses macht diesen nicht nur träge (Mama macht ja alles für mich), sie hält ihn auch dumm. Von der ersten Übernachtungsaktion an sagen, schreiben, predigen wir laut und deutlich: die Teilnehmer müssen ihre Sachen selbst packen, nicht von Mama packen lassen! Sie darf bei den Kleinen gerne hinlegen, was sie mitnehmen sollen, aber das Einräumen in Tasche, Rucksack oder Koffer muss derjenige machen, der mit uns wegfahren will. – Ohne Erfolg! Auch hier haben Pubertisten keine Schamgrenze mehr, es ist ihnen nicht peinlich, Vergessenes oder unnötig Mitgenommenes auf die Mutter zu schieben, “die hat ja gepackt”. Wir Ranger wären noch vor wenigen Jahren vor Scham gestorben bei solch einer Aussage.

Als wir vor einiger Zeit Sipplinge Gemüse für eine Gulaschsuppe schneiden ließen, deren Verkauf der Pfadfinderarbeit zugutekommen sollte, beklagte sich allen Ernstes eine Mutter: “Ich muss meine Kinder vor euch schützen, denn ihr lasst sie ja für euch schuften!”
Helikoptermütter sind der Tod jeder Jugendarbeit.

== Auf das Wort eines Pfadfinders ist Verlass ==

Verlässlichkeit ist eine sehr wichtige Tugend. Menschliches Zusammenleben wird extrem schwierig, wenn man sich nicht aufeinander verlassen kann. Wenn ich zusage, jemanden vom Bahnhof abzuholen, dann sollte ich zur vereinbarten Zeit auch dort sein – und nicht kurz vorher eine WhatsApp-Nachricht schicken “Sorry, habe leider doch keine Zeit”. Wenn diese Zuverlässigkeit erprobt ist, dann bricht beim Ankommenden auch keine Panik aus, wenn man noch nicht parat steht, weil etwas Unvorhergesehenes dazwischen gekommen ist: der/ die wird schon noch kommen, darauf ist schließlich Verlass. (Heute wird hingegen an dieser Stelle sofort das Handy gezückt: “Wo bist du? Ich sehe dich nicht!!!”).

Aber Zuverlässigkeit gibt es kaum noch – sicherlich auch ganz massiv durch die digitale Technik befördert. Soziologen sprechen von der “(Multi-)Optionsgesellschaft”: es ist so vieles möglich, vor allem im Freizeitbereich, dass sich die meisten Menschen bis zur letzten Sekunde möglichst viele Optionen offenlassen. Wie ärgerlich das ist, merken Jugendliche u.a., wenn sie selbst eine Party veranstalten und sie bis zum Ende der Veranstaltung nicht wissen, wer (noch irgendwann) kommt: “Vielleicht”, “Mal schauen”, “Weiß noch nicht”, “Wahrscheinlich” – mit solchen Zu- oder Absagen kann man nichts anfangen. Und selbst wer seine Teilnahme (z.B. via Facebook-Kalender) zusagt, kann sich noch im letzten Moment umentscheiden oder seine “Teilnahme” auf eine Stippvisite von 15 Minuten beschränken: mal kurz sehen und gesehen werden, dann geht’s weiter zum nächsten Event.

Alle Vereine leiden unter dieser Unverbindlichkeit und Unzuverlässigkeit. Manche versuchen, mit technischen Mitteln gegenzusteuern, andere mit Sanktionen oder umgekehrt Belohnungen – doch das Problem steckt viel tiefer: Wer sich stets alle Optionen offenhalten will, sich nicht festlegt, der sieht sich auch nirgends als wichtigen Teil. Man möchte möglichst viel für sich mitnehmen – die Vorstellung, dass man auch etwas geben sollte, ist vielen fremd.

Es ist eine der Grundweisheiten, die wir zu vermitteln uns unablässig bemühen: niemand entscheidet für sich allein, oft hat es Auswirkungen auf andere – und in Gruppen immer. Wer nicht zur Sippenstunde kommt, weil er lieber etwas anderes machen möchte, entscheidet zugleich, dass die Sippe mit einem Pfadfinder weniger auskommen muss. Wer spontan absagt: “ich habe doch keine Zeit zu helfen” entscheidet zugleich, dass die anderen mehr machen müssen. Wer sagt: “Ich gehe heute lieber ins Freibad” sagt zugleich: “ihr könnt halt heute nicht die geplanten Spiele machen, weil euch Mitspieler fehlen”.

Kinder, Jugendliche und Erwachsene ticken in diesem Punkt inzwischen gleich: das hohe Maß an Unverbindlichkeit, ja an Unzuverlässigkeit  erleben wir in allen Altersgruppen. Aber so lässt sich eben vieles nicht machen.

Wegen dieser Unverbindlichkeit fallen inzwischen viele Pfadfinderaktionen aus: weil sich nicht frühzeitig eine ausreichende Zahl aufs Mitmachen festlegt, streichen wir das Programm. Das ist oft schade, weil darunter auch wichtige Veranstaltungen sind, also nicht nur “nice to have”. Richtig ärgerlich wird es dann aber bei der Unzuverlässigkeit, dem Wortbruch, wenn Kinder und Jugendliche nicht halten, was sie zugesagt haben. Dann stellt sich erst beim geplanten Abmarsch zum Hajk heraus, dass er gar nicht stattfinden kann, weil jemand einfach nicht erscheint. Da fehlen für ein Programm wichtige Materialien, die mitzubringen jemand zugesagt hatte. Da wird nicht erledigt, was in der Leiterrunde versprochen wurde. Und weil das eigene Kind spontan keine Lust auf die Wochenendfahrt hat und zuhause bleiben will, fällt auch die Mutter weg, die mit ihrem  Auto eigentlich noch drei weitere Kinder mitnehmen wollte (die aber keinen Taxidienst für andere Kinder manchen will).

Bei diesem zu beobachtenden allgemeinen Werteverlust ist es dann auch nicht mehr so verwunderlich, dass selbst die ganz großen Versprechen ohne Not gebrochen werden: unser Pfadfindergesetz, das die Grundlage für alles ist, ob Gruppenstunde, Quatschprogramm, Fahrt oder Tätigkeit fürs Gemeinwohl. Die Original-Formulierung von Robert Baden-Powell ist nicht zu toppen, und der Satz steht nicht von ungefähr an erster Stelle: “A Scout’s honour is to be trusted.”

Leuten, denen dieser Satz, zu dem sie sich mit dem Tragen eines Halstuchs formal bekennen, nicht wirklich Auftrag und ständige Mahnung ist, können keine Pfadfinder sein – so deutlich muss man das sagen. Die gesamte Pfadfinderidee und alles pfadfinderische Tun setzen diese Zuverlässigkeit voraus: man muss sich bedingungslos aufeinander verlassen können.

Die Realität ist leider eine ganz andere – auf viele kann man sich eben nicht verlassen, auch mit tausend Extra-Beteuerungen nicht.

== Egoismus statt Gemeinwohl ==

Selbst in der Rockmusik ist das Thema angekommen: Unsere westlichen “Wohlstandsgesellschaften” sind vom Egoismus geprägt. Sich für andere als sich selbst zu engagieren ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Selbst Armen zu helfen, die ursprünglichste menschliche Mitgefühlsregung, ist kein Allgemeingut mehr. “Was hab’ ich damit zu tun…?”, “Sollen die doch selber…” – das haben wir bei entsprechenden Projekten ernsthaft zu hören bekommen (natürlich nicht selten direkt von zuhause mitgebracht). Beispiel: Zur Konfirmation bekommen auch bei uns fast alle Jugendlichen einige tausend Euro geschenkt. Der Versuch, sie dazu zu bewegen, freiwillig einen kleinen Teil für Arme zu spenden (Projekt frei wählbar) endet regelmäßig im großen Fiasko. “We’ve been living in a selfish age.”

Dass die wesentliche Botschaft des Evangeliums, fürs Diesseits jedenfalls, das Gemeinwohl ist, die Hilfe für diejenigen, die Hilfe benötigen, – passt nicht mehr in die Zeit. Aber die dritte Regel im Pfadfindergesetz heißt nun mal: “A Scout’s duty is to be useful and to help others.” Das lässt sich bei allem Bemühen um Zeitgemäßheit nicht übersetzen mit: “Ein Pfadfinder spielt sich an den Füßen, die Welt darf ihm egal sein.”

Der Egoismus zeigt sich natürlich schon im alltäglichen Fahrten- und Lagerleben – jeder wird es kennen, wir führen es hier deshalb nicht weiter aus. Erschreckend ist nicht, dass jeder einzelne versucht, für sich das Meiste oder Beste herauszuholen, sich vor Arbeit zu drücken etc. – erschreckend ist, dass hier kein Erziehungsbedarf mehr gesehen wird. Die Einordnung in eine soziale Gruppe ist nicht der Normalfall, sondern eine Krise.

Dass vielen Kindern und Jugendlichen entsprechende Sozialerfahrungen zuhause fehlen, z.B. weil keine Geschwister da sind und sowieso jeder den Tag in seiner eigenen Cloud verbringt, würde soziales Lernen bei den Pfadfindern umso notwendiger machen. Das aber verlangte wenigstens von den Eltern einzusehen, dass es diesen Lernbedarf gibt.

Jedenfalls macht es das Gemeinschaftsleben nicht einfacher, wenn kaum noch jemand von zuhause gewöhnt ist mitanzupacken.

== Pfadfinder als Programmdienstleister ==

Von Elternseite werden die Pfadfinder zunehmend als günstiges Dienstleistungsangebot gesehen. Sie sind eben nicht die große Freundesclique, zu der Sohn oder Tochter unbedingt gehören wollen, sondern Freizeitanbieter. Entsprechend hoch sind die Ansprüche (es wird mit anderen Anbietern verglichen), was sich vor allem in einer Konsumhaltung zeigt: “die Pfadfinder” sollen etwas “für mein Kind machen”. Kinder und Jugendliche sind nicht mehr selbstverständlich bei jeder Fahrt ihres Stammes dabei, sie werden von den Eltern in einzelne Angebote eingebucht. Jede einzelne Pfadfinder-Veranstaltung (Gruppenstunden eingeschlossen) wird mit allem anderen auf dem “Markt der Möglichkeiten” verglichen, die Entscheidung für oder gegen eine Teilnahme fällt fast immer aus rein egoistischen Motiven. Es gibt keinerlei Verständnis dafür, dass eine Gemeinschaft auf die Anwesenheit der Gemeinschaftsmitglieder angewiesen ist, dass jeder einzelne ein Teil vom Ganzen ist.

Fürs Thema Geld ist dabei folgende Beobachtung interessant: die komplett kostenlosen Hajks werden wegen des fehlenden Komforts als Zumutung empfunden (und als unsicher/ gefährlich). Die großen Zeltlager aber, an die heute u.a. aufgrund behördlicher Vorgaben enorme Anforderungen gestellt werden, sind vielen Eltern dann zu teuer für – Zitat! – “nur Camping”. Denn verglichen wird mit dem Pauschalurlaub auf Malle. Wir können aber nichts dafür, dass die Deutsche Bahn teuer ist und bei Zeltlagern inzwischen komplette Zelt-Krankenhäuser eingerichtet werden müssen, um die perfekte Umsorgung zu gewährleisten.

== Wettbewerb der Anbieter statt der Teilnehmer ==

Freizeitangebote waren immer knapp – knapp, weil man für die meisten Erlebnisse Kumpel als Mitstreiter brauchte: alleine Cowboy und Indianer zu spielen ist halt doof. Heute wetteifern unzählige Anbieter um bespaßbare Kids. Schon für die Jüngsten veranstalten Vereine einen wahren Budenzauber, fahren sie in Freizeitparks, stopfen sie mit Präsenten voll, hofieren ihre Bequemlichkeit. Anforderungen? Keine. Hauptsache, man hat einen Teilnehmer gewonnen (für den man ggf. auch Zuschüsse abrechnen kann), Hauptsache, es kann irgendwie Leben simuliert werden.

Dabei müsste man nicht nur bei den Pfadfindern, sondern genauso bei der Jugendfeuerwehr, den Schützen und sonstwo den meisten Kindern und Jugendlichen sagen: du bist für das Projekt nicht geeignet. Meist mit der Begründung: du gibst dir keine Mühe, es interessiert dich nicht genug. Aber stattdessen kämpft man um “Mitglieder”.

== Standortnachteil Land ==

All die geschilderten Probleme gibt es in Deutschland überall – man hört von Pfadfindern aus allen Ecken dasselbe Klagen. Allerdings ist die Dimension sehr unterschiedlich: fast alle unsere befreundeten Pfadfinderstämme kommen aus Städten, die deutlich größer als unsere Dörfer und Städtchen im Vogelsberg sind. Dort leben einfach viel mehr Jugendliche, von denen sich dann einige für die Pfadfinder als Hobby entscheiden und von denen auch nach Trennung von Spreu und Weizen noch so viele übrig bleiben, dass es für eine stabile Pfadfinderarbeit reichen kann. Es wird zwar aus den dargelegten Gründen überall schwieriger, doch die Städter haben schlicht eine viel größere Auswahl. (Beispiel Rechnung: Wenn wir mal annehmen, dass die Pfadfinder überhaupt nur für 5% der Jugendlichen wirklich in Frage kommen, und man aus jedem Jahrgang der 10 bis 20-jährigen im Schnitt 5 Personen braucht, dann muss jeder Jahrgang schon mindestens 100 Geburten haben – davon sind wir weit entfernt.)

Dies war uns bei der Gründung der Evangelischen Pfadfinder Vogelsberg (EPV) durchaus bewusst und wir versuchen diesen Standortnachteil durch weiträumige Kooperationen etwas zu mildern. Dabei stoßen wir allerdings noch auf ein weiteres Standort-Problem: es gibt hier in der Gegend kaum Pfadfindertradition, die wenigsten Eltern waren als Jugendliche selbst Pfadfinder, entsprechend können auch kaum Mütter und Väter aus eigener Erfahrung und voller Überzeugung unsere Arbeit unterstützen – oder auch nur ihre Bedeutung einschätzen. Die meisten Stämme hingegen können auf einen großen erwachsenen Unterstützerkreis bauen. Der wird zwar überall kleiner, weil sich auch Erwachsene immer weniger langfristig gemeinnützig engagieren – die meisten haben jedoch immer noch weit mehr Unterstützer als wir es bei bestem Bemühen schaffen könnten.
Und es gibt eine starke Ignoranz gegenüber Veränderungen und “Neuem”: hier waren alle als Heranwachsende in der Burschenschaft (mit der Hauptaufgabe, einmal pro Jahr eine große Party auszurichten) – deshalb hat dies Tradition. Die Pfadfinder müssen offenbar auch erst 50 Jahre aktiv sein, bis sie als normaler Bestandteil des Dorflebens akzeptiert werden.

== Ausblick ==

Es geht nicht darum, Pfadfinderarbeit schlechtzureden. Wo es gut läuft, läuft es gut. Aber wo es nicht (mehr) läuft, muss man nach den Ursachen schauen und sich ggf. mit unabänderlichen Tatsachen abfinden – deshalb haben wir hier einige gesellschaftliche Entwicklungen beschrieben, wie wir sie in der Pfadfinderei erleben. Eine große Jugendbewegung können die Pfadfinder heute ganz sicher nicht mehr sein (zumal ganz überwiegend Rentner diese “Jugendbewegung” beschwören).

Wir haben unseren Fokus daher schon länger auf die etwas Älteren gelegt. Denn mit gereiften Jugendlichen und interessierten (jungen) Erwachsenen kann man immer noch wunderbares Pfadfinden erleben. Ein Fokus auf die Kinderstufe verschlingt unverhältnismäßig viele Kräfte (Frage: Was bleibt wirklich unterm Strich von all unseren Bemühungen um Erziehung, Wissen, Kulturvermittlung und Sozialtraining?), und er vermittelt leider oft in der Öffentlichkeit den Eindruck, Pfadfinder seien eine Kinderveranstaltung. Dabei beginnt alles, was Pfadfinden ausmacht, frühestens so mit 12, 13, 14, – manches auch deutlich später. Im Stammesgefüge liegt die Bedeutung von Meuten vor allem darin, dass Jungpfadfinder und Scouts dort ihre ersten Gruppenleitererfahrungen machen können und damit Verantwortung trainieren.

Unsere Schwerpunktsetzung bei Jugendlichen und Erwachsenen ermöglicht uns jedenfalls, einige sinnvolle und oft zugleich vergnügliche Freizeitaktionen, vor allem im praktischen Naturschutz. Aber vieles davon könnte zugegebenermaßen auch unter der Flagge anderer Vereine laufen (die es hier aber nicht – mehr – gibt oder mit denen wir eben kooperieren).

Die Hoffnung jedenfalls, dass hier ausschließlich Jugendliche selbstständig pfadfinderische Jugendarbeit machen, haben wir inzwischen beerdigt.

==Corona-Update==

Durch die staatlich verordneten Kontaktverbote und damit auch Jugendarbeitsverbote im Zuge der Pandemie-Bekämpfung haben inzwischen auch städtischere Pfadfinder-Stämme erfahren, dass sie nur eine Option unter vielen waren. Viele Jugendliche tun sich gerade schwer damit, in einem normalen Klassenverband zurecht zu kommen – warum sollten sie sich nach der Pfadi-Gruppe sehnen? Ein Jahr “Ausnahmezustand” ist für sie inzwischen die Normalität. Selbstverständlich haben sie – zu recht! – die digitalten Möglichkeiten im Lockdown noch stärker genutzt als zuvor. Und wer  vorher  nicht intensiv genug erfahren hat, wie anders reale Begegnungen sind, der wird sich jetzt nicht unbedingt auf die Suche danach begeben. Die Corona-Politik hat damit nur beschleunigt, was ohnehin lief und nicht aufzuhalten war.

Dieses Lamento soll bitte nicht verstanden werden als eine übliche Klage über  “die Jugend”. Unser Ausgangsstatement war ja: Jugendarbeit insgesamt und Pfadfinderei im Besonderen war eine kurze Phase. Für sie war – aus vielfältigen Gründen – vor Baden-Powell kein Raum, und es ist eben auch kurz nach ihm kein Raum mehr dafür. Ganz nüchtern betrachtet muss man sagen: so ist eben der Lauf der Dinge, der Lauf der Zeit, die Entwicklung. “Ein jegliches hat seine Zeit”, das bedeutet eben auch: alles endet. Die Pfadfinder-Idee ist ja nun nicht so außergewöhnlich, dass man sich nicht vorstellen könnte, ihre Ideale könnten nicht auch ganz anders verwirklicht werden, eben wieder “zeitgemäß”.
Und bei aller Begeisterung fürs Pfadfinden fragen wir uns schon lange, ob wirklich die Pfadfinderei gute Pfadfinder macht, oder ob nicht Menschen, die einfach von ihrer Veranlagung her schon gut zu den Pfadfindern passen, dort aktiv werden. Jeder Stamm wird sagen müssen, dass es ihm bei vielen seiner Neulinge nicht gelungen ist, sie zu begeisterten, sie zu aktiven Pfadfindern zu machen. Und ganz kritisch: auch unter uns aktiven Pfadfindern sind viele, die nicht alles ernst nehmen, was sie mal versprochen haben. Es kann  ja auch stets nur darum gehen, sich ums Pfadfinden zu bemühen. Und das ist ein lebenslanger Weg. Kein Badge macht jemanden zu einem besseren Menschen! In diesem Sinne: Allzeit bereit und gut Pfad, Pfadfinderschwestern und -brüder!

 

Anmerkung:
“The shift is stunning: 12th-graders in 2015 were going out less often than eighth-graders did as recently as 2009.” Interessanter Artikel im “The Atlantic”

https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2017/09/has-the-smartphone-destroyed-a-generation/534198/

 

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