Stockbrot aus Mamas Backofen

26. August 2019

“Ich habe Stockbrot im Backofen hinbekommen”, schwärmt die Mutter. “Weil die Kinder es sich gewünscht haben und keine Feuer da war…”

Nett. Eigentlich nicht der Rede wert. Und doch zeigt diese kleine Episode mütterlicher Fürsorge, warum es Pfadfinder heute so schwer haben, Jugendliche zu begeistern: man hat ja alles, wenn man zuhause ist, Rundumversorgung ebenso wie digitale Abenteuerspielplätze en masse.

Natürlich wäre es anachronistisch, den Zeiten nachzutrauern, in denen es Stockbrot tatsächlich nur am (abgebrannten) Lagerfeuer gab. Wenn man es tiefgefroren im Supermarkt oder künftig bei einer Fast-Food-Kette bekommt – so what?

Aber es geht ja auch gar nicht ums profane Stockbrot. Es geht darum, dass alles jederzeit verfügbar sein soll – und eben technisch, finanziell und zeitlich auch verfügbar zu machen ist. Kinder wünschen sich Stockbrot ja nicht, weil es so ein tolles Weißbrot ist (da zaubern gute Handwerksbäcker weit interessantere Produkte), sondern weil sie es mit einer schönen Situation verbinden.

Aus Pfadfindersicht kann man wohl in Anlehnung an Paulus sagen: Wer keinen Stockbrotteig kneten  und diesen nicht über einer Glut backen kann, der soll auch kein Stockbrot essen. Stockbrot ist ein Grundnahrungsmittel, neben Brei fast das Simpelste, was man aus Getreide herstellen kann. Das kann man schon immer bei uns Pfadfindern lernen und dann immer wieder in schönen Situationen genießen. Wenn nun aber Mama kommt und sagt: “Ich mach dir das geschwind im Ofen” verliert es all seinen Reiz –  und schon beim zweiten Mal werden die Kinder auch sagen: “Toast schmeckt mir besser”.

Weil es Stockbrot im Alltag nicht gibt, konnten bisher Kinder begeistert von einer Fahrt zurückkehren und ihren Eltern von diesem ominösen Essen vorschwärmen, das sie z.B. bei den Pfadfindern nicht nur kennengelernt, sondern auch selbst herzustellen gelernt haben.
Aber so, wie viele Eltern schon Mode und Sprache ihrer Kinder übernommen haben, um ganz deren Homie zu sein, so biedern sie sich auch mit dem Essen und allen Wunscherfüllungen an (siehe: Stockbrot-Rezept von einem Margarine-Hersteller).

Vielleicht ist es ein echter Fortschritt, dass Kinder und Jugendliche heute lieber zuhause sind, als (auf Geheiß ihrer Eltern hin) bei den Pfadfindern zu sein. Vielleicht geht aber auch gerade ein lebensnotwendiges Streben nach Freiheit und Selbstbestimmung flöten.

Pfadfinden war seit seiner Entstehung der zeitweise Ausbruch von zuhause, weg von der Familie, raus aus grauer Städte Mauern, hinein in die Freiheit, in ein alternatives Leben. Das hat sich schleichend, aber vor allem in den letzten 15 Jahren grundlegend geändert. Heute werden viele Jugendliche von ihren wohlmeinenden Eltern zu den Pfadfindern geschickt. Und wenn sie da nicht mehr hinwollen – gibt es bei Bedarf Stockbrot aus dem Elektrobackofen…

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